Carine Chardon
"Neu aufgestellt"

Seit 6 Wochen ist sie alleinige Geschäftsführerin der GFU Consumer & Home Electronics GmbH: Carine Chardon. Mit dem Wechsel an der Spitze stellt sich die Markeninhaberin der IFA strategisch neu auf. Chardon kommt vom Herstellerverband ZVEI, wo sie zuletzt Chefin des Bereichs Consumer war – und damit die Branche und ihrer Akteure bestens kennt. Im hitec-Interview spricht die Juristin über alte Partner, neue Ziele und die Pläne für die GFU-Zukunft.
hitec: Frau Chardon, nach den ersten Tagen im Amt: Macht Ihr neuer Job Spaß?

Carine Chardon: Absolut. Es ist hochspannend, die „GFU-Welt“ nun auch von innen kennenzulernen und mich in die verschiedenen Themenfelder einzuarbeiten.

Wo in ihrer neuen Rolle sehen Sie aktuell die größte Herausforderung?

Darin, die richtige Balance zu finden zwischen „Bewährtem fortführen“ und „Neues wagen“. Gemeinsam mit dem GFU-Team und dem Aufsichtsrat überprüfen wir, wo es „weiter so” gehen soll oder welche Justierungen wir vornehmen können, um Platz für Neues zu schaffen. Gleichzeitig sind wir bereits in der Planung für das kommende Geschäftsjahr und für die IFA 2026. Es wird also nicht langweilig.

Was wird sich unter Ihrer Geschäftsführung bei der GFU ändern?

Ich möchte die GFU befähigen, inhaltlicher zu arbeiten und vermehrt Kooperationen mit denen suchen, die für Marktsegmente und Inhalte stehen. Das können Experten und Expertinnen, Verbände, Organisationen und Institutionen in Deutschland, Europa und sogar weltweit sein. Immerhin ist die IFA eine internationale Messe und unsere Branche global vernetzt. Mein vorhandenes Netzwerk bietet hierfür eine gute Basis.

Und was bleibt gleich?

Drei Elemente werden und sollen bleiben: Zunächst einmal, bleibt die GFU im Kern die „Ownerin“ der IFA-Marken und steht für die DNA und das Image der IFA. In diesem Zusammenhang dreht sich alles um die Positionierung und Weiterentwicklung unserer Messe am Standort Berlin. Darüber hinaus ist die GFU-Kompetenzträgerin für den Consumer & Home Electronics Markt und klärt die Öffentlichkeit zu Innovation und Marktentwicklungen auf - etwa über Studien, Marktanalysen und Kennzahlen. Und als dritten und letzten Punkt verfügt die GFU über ein starkes Netzwerk - sie agiert als Impulsgeberin und verbindet die relevanten Stakeholder: Industrie und Handel, Messeprofis und Aussteller, Sachverständige und Medien, lokales und globales. Dabei folgt die GFU ihrem Satzungszweck als interessensübergreifende Vereinigung und vertritt ihre Gesellschafter entsprechend.


„Ich möchte die GFU befähigen, inhaltlicher zu arbeiten und vermehrt Kooperationen mit denen suchen, die für Marktsegmente und Inhalte stehen.“

Worin liegt die Kernaufgabe einer Messe wie der IFA?

Die IFA ist mehr als eine klassische Ausstellung von Produkten. Sie ist eine Plattform, auf der Innovationen sichtbar werden, Branchentrends diskutiert und Netzwerke geknüpft werden. Ihre Kernaufgabe liegt darin, Menschen – Hersteller, Handel, Medien und Verbraucher – zusammenzubringen, um Austausch, Inspiration und Orientierung zu ermöglichen. Gleichzeitig ist die IFA ein Schaufenster und Future Lab für technologische Entwicklungen, die unseren Alltag in den kommenden Jahren prägen werden.

Wie war Ihr Eindruck von der IFA 2025? Was war spitze, was läuft nicht so rund?

Beeindruckend war für mich, dass die IFA 2025 auf die Jubiläums-IFA vom Vorjahr nochmal draufsatteln konnte. Unkenrufe, die IFA 100 sei zugleich auch die Letzte, haben sich so gar nicht bewahrheitet, im Gegenteil. Ich habe die IFA 2025 lebendig und quirlig erlebt wie lange nicht. Die Messe hat es geschafft, die dynamische Atmosphäre unserer Branche auf neue Art und Weise zu transportieren. Auch neue Formate wie der Retail Leaders Summit oder die IFA Innovation Awards zeigen, dass unsere Plattform ein großes Universum an Möglichkeiten bietet. Klar gibt es dabei auch Potential zur Verbesserung, gerade bei neuen Formaten klappt nicht auf Anhieb alles schon zu 100%. Insgesamt sehe ich, dass wir noch stärker die Schnittstellen zwischen Messe, Konferenzprogramm und Side Events heben können, um den Besucherinnen und Besuchern ein ganzheitliches und global einzigartiges Erlebnis zu ermöglichen.

Von welcher Messe kann sich die IFA noch etwas abschauen?

Im Grunde genommen hat jede Messe ihre Stärken und Besonderheiten, und kann damit zur Inspiration dienen. Das schließt auch Branchen-fremde Messen ein und ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass es nicht nur Messen sein müssen, sondern auch andere Veranstaltungsformate, die mit innovativen Formaten und inhaltlichen Impulsen spannend sind.


„Es ist großartig zu erleben, wie stark Clarion an die IFA glaubt.“

Worin sehen Sie die Rolle des Handels bei der IFA?

Der Handel ist für die IFA von zentraler Bedeutung. Er ist Schnittstelle zwischen Technologie und Verbraucher und Verbraucherinnen, versteht Marktbedürfnisse und Trends und macht Innovationen erlebbar. Die IFA bietet dem Handel nicht nur die Chance, neue Produkte frühzeitig kennenzulernen, sondern auch zu erleben, wie diese bei den Konsumenten ankommen. Zudem ist es von Vorteil, Lieferanten geballt treffen zu können, strategische Partnerschaften zu vertiefen und sich selbst als Treiber für Innovationen zu positionieren. Von der engen Verbindung zwischen Handel und IFA profitieren alle Seiten gleichermaßen.

Wie gut kennen Sie den Chef der IFA-Managementgesellschaft, Leif Lindner?

Leif Lindner und ich kennen uns seit vielen Jahren. Er wurde Vorsitzender des Fachverbands Consumer Electronics im ZVEI, als ich dessen Geschäftsführung übernahm. Entsprechend haben wir schon eine Zeitlang eng und vertrauensvoll zusammengearbeitet. Der Kontakt ist trotz seines Wechsels zur IFA Management nicht abgerissen und ich freue mich nun auf unsere Zusammenarbeit in neuer Konstellation. Denn die enge Kooperation zwischen GFU und IFA-Managementgesellschaft ist ein zentraler Baustein, um die Messe erfolgreich zu gestalten und zukunftsfähig weiterzuentwickeln.

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit Clarion?

Sehr konstruktiv und wohlwollend. Eine Partnerschaft auf Augenhöhe mit individuellen Kompetenzen, die zu einem großen Ganzen werden. Es ist großartig zu erleben, wie stark Clarion an die IFA glaubt und welch hohes Engagement sie der Entwicklung der IFA widmen. Für Clarion und GFU ist der Fokus klar: die IFA als zukunftsfähige, global attraktive und wettbewerbsfähige Messe zu positionieren. Die tägliche Zusammenarbeit gestaltet sich fair, konstruktiv und lösungsorientiert. Die beste Voraussetzung für eine erfolgreiche und kooperative Zusammenarbeit. Wir sind froh, mit Clarion einen so vertrauensvollen und guten Partner an unserer Seite zu haben.

Ein großer Teil Ihrer Arbeit besteht aus Abstimmungsprozessen mit Gremien und Partnern. Sind Sie diplomatisch veranlagt?

Diplomatie ist für diese Rolle eine zentrale Eigenschaft– auf jeden Fall. Es geht darum, unterschiedliche Perspektiven zu verstehen, gemeinsam Lösungen zu entwickeln und dabei stets das große Ganze im Blick zu behalten: die Weiterentwicklung der GFU und der IFA. Mir ist wichtig, dass Entscheidungen transparent, nachvollziehbar und fair getroffen werden – nur so entsteht Vertrauen und eine gute Zusammenarbeit mit Gremien, Partnern und Stakeholdern.

Eine der selbstgesetzten Aufgaben der GFU ist die Öffentlichkeitsarbeit für die Branche. Wo sehen Sie hier noch Potenziale?

Die GFU hat bereits eine sehr starke Basis, wenn es darum geht, Marktinformationen und Studien zu veröffentlichen. Wir haben gesehen, dass die Resonanz zu GFU-Panels sehr positiv ist. Ich könnte mir durchaus vorstellen, diesen Bereich noch weiter auszubauen und verstärkt auch auf dieses Format der Kommunikation zur Vermittlung von Inhalten– nicht nur für das Fachpublikum, sondern auch an die breite Öffentlichkeit – zu gehen. Da sich nicht nur die Branche, sondern auch die Art und Weise, wie kommuniziert wird, einem starken Wandel unterzieht, sehen wir uns derzeit auch noch einmal intensiv unsere digitalen Formate an und evaluieren Potentiale und Möglichkeiten.

Wie sieht es mit den Plänen aus, die GFU für Nicht-Gesellschafter zu öffnen?

Die GFU vertritt weiterhin die Interessen ihrer Gesellschafter, gleichzeitig öffnen wir uns für den Austausch mit weiteren Stakeholdern und Organisationen. Kooperationen über die Gesellschafter hinaus ermöglichen es uns, neue Impulse und Perspektiven einzubringen, die die Messe und die Branche insgesamt stärken. Unser Ziel ist es, die GFU als offene Plattform für Innovation, Wissenstransfer und Vernetzung noch sichtbarer zu machen.

Überschneiden sich die Tätigkeitsfelder von GFU und ihrem bisherigen Arbeitgeber ZVEI?

Natürlich gibt es eine gewisse Nähe: wir agieren im selben Markt, und alle Gesellschafter sowie zahlreiche IFA-Aussteller sind ZVEI-Mitglieder. Auf der anderen Seite ist die Ausrichtung eine andere: während es beim ZVEI darum geht, regulatorische Spielräume zu schaffen, ist das Ziel der GFU, eine erfolgreiche Messe zu veranstalten und die Öffentlichkeit aufzuklären. Da schließt sich der Kreis: wir bieten den Mitgliedern des ZVEI mit der IFA eine wichtige globale Plattform, und setzen uns dafür ein, dass die wirtschaftliche und standortpolitische Relevanz der Unternehmen angemessen wahrgenommen wird.

In 5 Jahren brauchen wir uns worüber nicht mehr unterhalten?

In fünf Jahren werden wir nicht mehr darüber diskutieren, ob Connectivity und KI einen Mehrwert für Verbraucher und Verbraucherinnen bietet, sondern dies wird dann längst anerkanntes Standard-Feature sein. Dann können wir uns auf neue Fragestellungen konzentrieren: über Innovationen, gesellschaftliche Veränderungen und die Chancen, die Technologie für alle Menschen bietet.

Frau Chardon, vielen Dank für das Gespräch!

FOTOS: GFU

Autor: Joachim Dünkelmann

Dieser Artikel ist am 16. Dezember 2025 erstmals erschienen in der Printausgabe von hitec Magazin, Ausgabe 12 / 2025.

 

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Carine Chardon im Interview des Monats, GFU

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