Leif Lindner: Die globalen Lieferketten sind fragiler geworden und häufig unberechenbar. Gleichzeitig sind sie strategisch wichtiger denn je. Als internationale Plattform sehen wir unsere Aufgabe darin, Transparenz und Dialog zu ermöglichen – und Brücken zu bauen. Die IFA bringt Hersteller, Zulieferer, Handel und Logistikpartner zusammen. In Zeiten geopolitischer Spannungen sind persönliche Begegnungen kein „Nice-to-have“, sondern ein Stabilitätsfaktor. Wir schaffen einen Rahmen, in dem Partnerschaften gefestigt, neue Bezugsquellen erschlossen und Risiken offen diskutiert werden können und sollen. Gerade in einer Branche, die von Innovationszyklen lebt, ist Planbarkeit entscheidend. Hier übernimmt die IFA eine verbindende Rolle.
Die Anbieterlandschaft ist derzeit von Fernsehern bis Elektrokleingeräte in Bewegung. Zeigt sich das auch in den IFA Hallen?
Absolut. Die Dynamik im Markt ist deutlich spürbar. Klassische Produktkategorien entwickeln sich weiter, gleichzeitig entstehen neue Segmente an der Schnittstelle von Technologie, Lifestyle und Services – mit KI als omnipräsenten Innovationstreiber. Die IFA war schon immer eine Abbildung des Marktes und reflektiert diese Veränderungen entsprechend in den Hallen. Wir stehen ganzjährig im engen Austausch mit unseren Partnern – von Home & Entertainment und Home Appliances bis zu Bereichen wie Computing & Gaming, Content Creation oder Beauty Tech & Wellbeing. Dabei sehen wir starken Zuspruch: Viele langjährige Partner bleiben der IFA treu, gleichzeitig begrüßen wir auch neue Marken auf der Messe. Genau diese Mischung macht die IFA Jahr für Jahr so relevant.

"Die IFA ist kein regionales Branchentreffen, sondern eine globale Plattform und Marktplatz."
Ihr Anspruch ist es, eine weltweite Bühne mit globaler Wirkung durch Innovationen zu schaffen. Wie macht man das?
Indem man Relevanz konsequent in den Mittelpunkt stellt. Wir kuratieren Themen, die global Bedeutung haben: Künstliche Intelligenz im Alltag, Energieeffizienz, Nachhaltigkeit, Connectivity, Content Creation. Um nur einige zu nennen. Gleichzeitig investieren wir stark in internationale Reichweite. Die IFA ist kein regionales Branchentreffen, sondern eine globale Plattform und Marktplatz. Medien aus aller Welt, internationale Retailer und Entscheider nutzen die IFA als Orientierung für das kommende Geschäftsjahr. Innovation wird erst dann wirksam, wenn sie Sichtbarkeit bekommt. Diese Sichtbarkeit stellen wir bereit.
Stehen der Termin der IFA und der Neuheitenzyklus der Industrie sich dabei nicht im Weg?
Im Gegenteil. Der Termin im Spätsommer ist strategisch klug. Er liegt ideal vor dem wichtigen Jahresendgeschäft und bietet Herstellern die Möglichkeit, Produktneuheiten rechtzeitig zu platzieren. Die Industrie braucht einen klaren Fixpunkt im Kalender. Die IFA ist genau das. Sie bündelt Aufmerksamkeit und schafft ein Momentum.
Wie kann man die Reichweite und Sichtbarkeit der Messe und damit der Branche noch weiter steigern?
Indem man Konsumentn, Händler, Unternehmen, Medien und Creator zusammenbringt – und zwar in unterschiedlichen Formaten. Klassische Messestände allein reichen nicht mehr. Wir setzen auf Live-Formate, Panels, Creator-Programme, Streaming-Elemente und Experience-Zonen. Wenn Content vor Ort entsteht, multipliziert sich die Reichweite auf allen Kanälen. Die IFA wird dadurch nicht nur zur Business-Plattform, sondern zum Impulsgeber in sozialen und digitalen Kanälen weltweit.
Wie kann man die vielfältigen, oft neuen Technologie- und Anwendungsbereiche im Rahmen der Messe sinnvoll strukturieren?
Durch eine klare thematische Gliederung. Auf der IFA 2026 arbeiten wir mit definierten Themenwelten und Experience Zones: Content Creation, Home & Entertainment, Audio, Beauty Tech & Wellbeing, Communication & Connectivity, Home Appliances, Computing & Gaming, Smart Home sowie Mobility. Diese Struktur schafft Orientierung für Fachbesucher und Konsumenten gleichermaßen. Wer effizient arbeiten möchte, findet schnell relevante Businesspartner. Wer entdecken möchte, bekommt Inspiration entlang klarer Themenpfade.
Wieso ist es wichtig, dass auch Endverbraucher auf die Messe kommen – die ja im Kern mittlerweile eine Business-Messe ist?
Letztlich entscheiden immer die Konsumenten über den Erfolg eines Geschäftsmodells. Selbst die beste Vertriebsstrategie nützt wenig, wenn die Endkunden nicht zufrieden sind. Auf der IFA trifft B2B auf B2C. Hersteller und Handel erhalten unmittelbares Feedback, erleben Reaktionen auf Produkte und bekommen Verbesserungsvorschläge direkt aus erster Hand. Diese Nähe ist ein echter Wettbewerbsvorteil.

"2026 erweitern wir unser Angebot für den Handel um die IFA Retail Innovation Zone."
Die IFA tut traditionell sehr viel für Fachbesucher mit zahlreichen Services. Bleibt der Fachhändler VIP in Berlin?
Der Fachhandel ist und bleibt unser VIP – und das ganz bewusst. Wir intensivieren Formate und Services, die den Messebesuch für Händler nicht nur inspirierend, sondern effizient machen. Dazu gehört eine exklusive Fachbesucher-Lounge als Rückzugsort für Gespräche auf Entscheider-Niveau ebenso wie kuratierte Retail-Formate mit konkretem Praxisbezug, wie dem IFA Retail Leaders Summit. Ergänzt wird das durch Networking- Events und After-Work-Formate, die Raum für informellen Austausch schaffen. Geschäft entsteht häufig zwischen zwei Terminen – genau dafür bieten wir die passenden Plattformen. Unser Anspruch ist klar: Wer als Händler zur IFA Berlin kommt, soll nicht nur Trends sehen, sondern konkrete Impulse, belastbare Kontakte und umsetzbare Ideen für das eigene Geschäft mitnehmen.
Was hat es mit der „IFA Retail Innovation Zone“ auf sich?
2026 erweitern wir unser Angebot für den Handel um die IFA Retail Innovation Zone. Dieser Bereich bündelt interaktive Experience Zones, praxisnahe Workshops, eine exklusive Fachbesucher-Lounge und weitere Services. Ziel ist es, durch den Messebesuch konkrete Mehrwerte für den Arbeitsalltag im Handel zu vermitteln. Es geht nicht nur um Inspiration, sondern um anwendbares Wissen und um Werkzeuge für erfolgreiche Geschäftsmodelle, um Networking und Wissen. Gleichzeitig greifen wir dort zentrale Entwicklungen im Handel auf. Etwa den wachsenden Einfluss von KI auf Kaufentscheidungen. Aus einer GFU-Studie geht hervor, dass über 69 Prozent – über alle Altersklassen hinweg – KI-basierte Chatbots für die Informationsbeschaffung nutzen, was stark darauf hindeutet, dass diese auch für konsumbezogene Entscheidungsprozesse immer mehr an Bedeutung gewinnen. Bereits heute setzt rund ein Viertel digitale Assistenten bei der Produktrecherche oder Kaufberatung ein. Genau solche Veränderungen im Einkaufsprozess wollen wir in der Retail Innovation Zone sichtbar und diskutierbar machen.
Sie sprachen kürzlich davon, dass das Direct-to-Consumer-Geschäft auch im Rahmen der Messe dargestellt werden müsse. Wie kann man sich das vorstellen?
Richtig, für viele Marken und in einigen Ländern ist Direct-to-Consumer bereits heute ein wichtiger Distributionskanal. Deshalb ist das Thema auch für die IFA als globale Plattform relevant. Eine unserer zentralen Aufgaben ist es, neue Entwicklungen früh sichtbar zu machen und auch disruptive Trends offen zu diskutieren. Allerdings glauben wir, dass es auch einen kooperativen Ansatz zwischen B2C und D2C geben kann, die vor allem eine ausgewogene Customer Journey als Ziel hat, auch darüber sprechen wir. Gemeinsam mit Partnern wie dem TikTok Shop haben wir das Thema bereits im vergangenen Jahr im Creator Hub aufgegriffen. Dieses Jahr werden wir daran anknüpfen und im Rahmen der neuen Retail Innovation Zone weitere Akzente setzen. Dort geht es ganz konkret um die Zukunft des Handels: von Smart Retail über Omnichannel- und Social-Commerce-Strategien bis hin zu Customer Insights, Logistik und Fulfilment. Entscheidend ist dabei der Praxisbezug. Fachbesucher erleben reale Use Cases, nehmen an Workshops und Masterclasses teil und können sich direkt mit Industrie, Handel und Serviceanbietern austauschen. Genau so wird sichtbar, wie sich neue Vertriebsmodelle in der Praxis entwickeln.
Wird das Format für Führungskräfte im internationalen Handel „Retail Leaders Summit“ in seiner exklusiven Form fortgesetzt?
Ja, auch 2026 wird der Retail Leaders Summit stattfinden. Mit kuratierten Teilnehmern auf Entscheider-Niveau schaffen wir einen Raum für strategischen Austausch, Networking, Wissenstransfer und konkrete Geschäftsentwicklung. Exklusivität bedeutet hier Qualität des Dialogs.

Boxt sich auch in volatilen Märkten durch: Leif Lindner, Chef der IFA Management GmbH
Helfen Ihnen die langfristigen Verträge mit der Messe Berlin und einigen Ausstellern bei der Gewinnung neuer Partner?
Planbarkeit und Verbindlichkeit sind in sich verändernden Marktbedingungen essenziell. Langfristige Partnerschaften schaffen Vertrauen und Stabilität. Berlin ist als Standort strategisch hervorragend positioniert. Die internationale Anbindung, die Infrastruktur und die Strahlkraft der Stadt unterstützen unsere globale Ausrichtung. Für neue Partner ist diese Stabilität ein starkes Signal.
Welche Ausstellungs-Highlights erwarten den Fachhändler in diesem Jahr?
Zum jetzigen Zeitpunkt wäre es verfrüht, einzelne Produkte herauszustellen – und würde die Vorfreude nehmen. Was sich aber bereits klar abzeichnet, sind die großen Themenfelder der Messe. Künstliche Intelligenz wird das übergreifende Leitthema sein und in nahezu allen Produktkategorien eine Rolle spielen – besonders im Bereich Home & Entertainment sowie bei Home Appliances. Gleichzeitig sehen wir spannende Entwicklungen in neuen oder stark wachsenden Segmenten wie Content Creation, Beauty Tech & Wellbeing, Mobility oder Smart Home.
Was sollte man im Rahmen der IFA auf gar keinen Fall verpassen?
Das hängt natürlich davon ab, mit welcher Perspektive man auf die IFA kommt. Für den Fachhandel sind insbesondere Formate wie die Retail Innovation Zone und der Retail Leaders Summit sehr relevant, weil sie konkrete Impulse für Strategie, Sortiment und Geschäftsmodelle liefern. Aber natürlich hat die IFA viele Highlights: den Sommergarten als zentralen Treffpunkt auf dem Gelände, den Creator Hub mit Blick auf neue Content- und Social-Commerce-Formate oder thematische Bereiche wie der Beauty Hub. Der Mobility Track wächst in diesem Jahr deutlich zu einem 400 Meter langer Bereich vor Halle 11.2/18 mit Platz für 12 Marken. Auch der Bereich Outdoor Cooking & Gardening ist größer als im letzten Jahr (300 m²) – mit verstärktem Fokus auf Outdoor Cooking, BBQ und Gardening-Produkte, um der Nachfrage nach größeren Präsentationsflächen gerecht zu werden. Nicht zu vergessen sind die Pressekonferenzen und Media Days sowie das umfangreiche Content-Programm mit Panels, Talks und Präsentationen. Gerade diese Mischung aus Produktneuheiten, Austausch und Inspiration macht den besonderen Charakter der IFA aus.
Was wird Stand heute Ihr persönlicher Favorit der IFA 2026?
Für mich ist das Schönste an der IFA immer der Austausch mit Menschen – genau das macht eine Messe wirklich lebendig. Deshalb freue ich mich besonders auf interaktive Formate wie den Retail Leaders Summit und die zahlreichen Panels mit hochkarätigen Speakern. Natürlich beeindruckt es mich auch immer wieder, was unsere Top-Partner innovativ auf die Beine stellen. Last but not least versprechen der Sommergarten und der Podcast-Sonntag ganz besondere Momente, die die IFA einmalig machen.
Herr Lindner, vielen Dank für das Gespräch.
FOTOS: IFA BERLIN
Autor: Joachim Dünkelmann

Dieser Artikel ist am 7. April 2026 erstmals erschienen (gekürzt) in der Printausgabe von hitec Magazin, Ausgabe 3-4 / 2026.